Der erste Roboter für Baustoffrecycling in der Schweiz

Das Unterländer Bauunternehmen Eberhard setzt auf einen neuartigen Recyclingroboter, der dank künstlicher Intelligenz ständig besser erkennt, greift und trennt.

OBERGLATT

In Oberglatt wird fleissig getüftelt. Auf einem riesigen Areal zwischen S-Bahn- und Industriegleisen am Rand des Dorfes liegt der Ebipark. Da tut sich derzeit einiges, wenn es um Baustoffrecycling geht. Kürzlich hat das Zürcher Unterländer Bauunternehmen Eberhard zu einem sogenannten Kreislauftag hierher geladen. Rund drei Dutzend Vertreter aus Behörden, von Branchenverbänden und aus der Politik sind angereist. Sie sollen schliesslich sehen und vor allem verstehen, was es mit den baulichen Altlasten auf sich hat, wenn in der Schweiz dereinst noch mehr gebaut, saniert und nachverdichtet wird.

Mitten auf dem weitläufigen Gelände, wo alles in einheitlichem Gelb und Wasserblau bemalt ist, steht eine unscheinbare Halle. Drinnen befindet sich eine hochmoderne Sortieranlage mit Förderbändern, Silos und Containern. Hier lässt CEO Martin Eberhard sein neustes technisches Prunkstück testen. Es handelt sich um einen Industrie-4.0-Bauschutt-Sortierroboter. Rund 1,5 Millionen Franken hat die Firma bislang dafür investiert. Was die Installation interessant macht: Sie verfügt über künstliche Intelligenz.

Während die Förderbänder mit grossem Getöse anlaufen, erklärt der zuständige Projektleiter, Roman Nüssli, auf einem Rundgang die Technik. Herzstück ist ein Hochleistungsrechner finnischer Bauart der Firma Zen-Robotics. Er befindet sich in einem Container gleich nebenan. Aus dem Schlund unterhalb des Silos rutschen derweil kleine und grosse Teile des sogenannten Mischabbruchs, was so viel wie unsortierter Bauschutt bedeutet. Solcherlei Material fällt häufig an und wird bislang – noch – allzu oft einfach in Deponien abgelagert.

Bis zu 1800 Picks pro Stunde

Ein paar Meter weiter picken die beiden Greifarme des Roboters in Windeseile gezielt einzelne Gegenstände vom Band. Beide Greifer können je vier verschiedene Stoffe aussortieren. Hauptsächlich entfernen sie Plastik, Holz, Ziegelsteinbrocken und Metallteile. Bis zu 1800 «Picks» seien so pro Stunde möglich. Die Maschine wird nicht müde und sortiert falls nötig auch 24 Stunden lang immer in derselben Qualität.

Es ist genau diese Effizienzsteigerung, welche letztlich angestrebt wird, um Recycling von Bauschutt überhaupt interessant zu machen. Müsste man hier alles manuell sortieren, wäre das viel zu aufwendig, ginge viel länger und würde vor allem zu teuer. Das soll sich jedoch bald ändern, wenn die Technik so weit ausgereift ist, dass sie in Eberhards Recyclingcenter kommerziell eingesetzt werden kann.

Doch der Roboter ist noch nicht perfekt. Es besteht Verbesserungsbedarf. Entwicklungsleiter Patric Van der Haegen verweist auf die Lernfähigkeit der Technik. Die Gegenstände werden mehrfach übers Band geführt und dem Computer erklärt, um welches Material es sich handelt – Holz, Metall oder Plastik. So lernt der Roboter, künftig möglichst alles fehlerfrei auszusortieren. Erkannt werden die Teile durch verschiedene Sensoren, darunter 3-D-Scanner, Metalldetektoren und Spektrumanalysegeräte.

Ein Novum in der Schweiz

Seinen Dienst wird der Zen-Roboter mit Unterländer Spezialprogrammierung dereinst im benachbarten Rümlang antreten. Dort will Eberhard seinen Recyclingstandort stark erweitern. Geplant sind eine Betonrecycling- und eine Bodenwaschanlage sowie die erste Robotersortieranlage für Mischabbruchmaterial der Schweiz.

Vor bald vier Jahrzehnten hatte die Firma eine erste stationäre Recyclinganlage für Baustoffe in Bülach in Betrieb genommen. Gesetzliche Vorschriften haben seither die Kreislaufwirtschaft gestärkt. Heute wird Kehricht verbrannt und aus der Schlacke werden verschiedene Metalle zurückgewonnen.

Vorbei mit «quick and dirty»

Momentan liegt der Recyclinganteil bei den verwendeten Baustoffen in der Schweiz aber erst bei rund 15 Prozent. «Da besteht noch ein riesiges Potenzial», gibt CEO Martin Eberhard zu bedenken. «Wir können aus alten Häusern zu 100 Prozent wieder neue Häuser herstellen.» Ziel sei es, das Image von Recyclingbaustoffen zu verbessern. Entwicklungschef Van der Haegen bringt es auf den Punkt: «Irgendwann ist es vorbei mit ‹quick and dirty›!»

Dass heute nicht öfter auf Recyclingbaustoffe gesetzt werde, könne man sich in der rohstoffarmen Schweiz künftig wohl nicht mehr leisten. Nötig seien mehr Wille der Bauherren, entsprechende Gesetze sowie eine bessere Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

Zürcher Unterländer: 14.06.2019, 14:45 Uhr